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Generisches Maskulinum: Was ist das?

Konzeptuelle Unterspezifikation und Äußerungsbedeutung

Wenn mensch in die (sozialen) Medien schaut, dann scheint das wichtigste sprachpolitische Thema zu sein, ob geschlechtergerechte Sprache (das sogenannte ‚Gendern‘) verboten werden sollte oder nicht. Einzelne Bundesländer verbieten in bestimmten öffentlichen Bereichen die Verwendung geschlechtergerechter Sprache, Petitionen gegen ihre Verwendung werden gestartet, rechte Gruppen und Sprachvereine kritisieren lautstark und medienwirksam alle Formen der Verwendung geschlechtergerechten Sprache. Ein Argument ist in der Regel, dass wir geschlechtergerechte Sprache gar nicht brauchen würden, denn sie würde Sprache unnötig sexualisieren. Immerhin gäbe es doch das ‚generische Maskulinum‘, das alle Geschlechter mit meint.

Auf der Intersetseite des Verein für deutsche Sprache heißt es beispielsweise: “ „Der ‚Engel‘ ist per Definition geschlechtslos, ein ‚Schelm‘ kann genauso eine Frau sein wie eine ‚Dumpfbacke‘ ein Mann“, erklärt Krämer, „die vom Duden betriebene Zwangs-Sexualisierung der deutschen Sprache widerspricht den Regeln der Grammatik sowie dem allgemeinen Sprachgebrauch.“ Engel und Schelm werden als Beispiele für sogenannte generische Maskulina angeführt. Aber was steckt eigentlich hinter diesem Begriff?

In der öffentlichen Diskussion wird der Begriff ‚generisches Maskulinum‘ gerne verwendet, aber häufig mit fehlender sprachwissenschaftlicher Präzision. Um aber entscheiden zu können, aber die Argumente bezüglich des ‚generischen Maskulinums‘ sprachwissenschaftlich haltbar sind oder nicht, muss dieser Begriff auch auf ein solides wissenschaftliches Fundament gestellt werden. Oft genug habe ich es in Diskussionen mit ‚Genderkritikern‘ erlebt, dass einerseits den Verfechter*innen der Verwendung geschlechtergerechter Sprache falsche Unterstellungen bzgl. des maskuliner Nomen gemacht werden („Ihr sagt, dass das Nomen Richter sich nur auf Männer beziehen kann“), anderseits treffen die Argumente, die zur Verteidigung eines ‚generischen Maskulinums‘ vorgebracht werden, oftmals das Thema nicht. Also: was ist denn das vermeintliche ‚generische Maskulinum‘ und was ist das damit verbundene Problem?

Unter einem ‚generischen Maskulinum‘ werden Nomen, die grammatikalisch maskulin sind (d.h., dem Genus ‚Maskulin‘ angehören) und ‚generisch‘ – also ganz generell – referieren, verstanden. Ein Beispiel ist Der Richter betrat den Raum. Das Nomen Richter ist maskulin. Das Genus eines Nomens erkennen wir im Deutschen nur in seinem grammatikalischen Verhalten. Relevant ist die sogenannte Kongruenz. Wenn wir die Nomen Richter, Katze, Fahrzeug vergleichen, dann sehen wir, dass sie unterschiedliche Endungen beim definiten Artikel (d-er Richter, d-ie Katze, d-as Fahrzeug) verlangen. Ebenso aber auch beim indefiniten Artikel und beim Adjektiv (ein groß-er Richter, ein-e groß-e Katze, ein groß-es Fahrzeug).

Genus ist eine grammatikalische Klassifikation von Nomen und eine Streitfrage ist, ob das Genus vom Sexus des nominalen Referenten abhängt. Mit ‚maskulin‘ ‚’feminin‘, ’neutrum’‘‘ beziehen wir uns auf unterschiedliche Werte einer grammatikalischen Kategorie. ‚Männlich‘ und ‚weiblich’‘‘ – wenn wir einfach einmal binär verbleiben – repräsentieren Werte der Kategorie Sexus. Das Sexus ist keine Eigenschaft des Nomens – anders als Genus –, sondern eine Eigenschaft des Referenten des Nomens. Der Referent ist der oder das, worauf sich das Nomen in der Welt bezieht. Nicht alle Dinge in der Welt haben ein Sexus. Ein Tisch ist weder männlich noch weiblich, ebenso eine Tasse. Entsprechend ist klar, dass es keinen Zusammenhang zwischen dem nicht-vorhandenen Sexus der Referenten von Tisch und Tasse und dem Genus der Nomen geben kann. Sexus spielt nur für einen Teilbereich der Nomen eine Rolle und zwar für die Nomen, deren Referenten belebt sind. Aber auch da spielen nicht alle Nomen eine Rolle, denn das Geschlecht vieler Tiere ist und (sprachlich) vollkommen egal. Relevant ist der Teilbereich derjenigen Nomen, die sich auf Menschen, höhere Säugetiere und Nutztiere bezieht.

Richter ist nun ein Nomen, das menschliche Referenten hat. Die Annahme eines ‚generischen Maskulinums‘ sagt nun aus, dass Der Richter betritt den Raum bedeuten kann, dass auch ein weiblicher Richter den Raum betritt. Dem muss man nicht widersprechen. Die Frage ist nicht, was das Nomen Richter bedeutet, sondern wie es im Kontext verstanden wird.

In der Semantik, dem Teilbereich der Sprachwissenschaft, der sich mit Bedeutung auseinandersetzt, sagt man, dass das Nomen Richter ‚konzeptuell unterspezifiziert‘ ist. Es bedeutet: ‚eine Person, die den Richterberuf ausübt‘. Das ist soweit damit kompatibel, dass der Satz Der Richter betrat den Raum bedeuten kann, dass ein männlicher Richter oder eine weibliche Richterin den Raum betrat.

Richterin ist dagegen ein Nomen mit einer spezifischeren Referenz, denn es bedeutet: ‚weibliche Person, die den Richterberuf ausübt‘. Damit referiert Richterin nur auf Frauen und der Satz Die Richterin betrat den Raum kann auch nur bedeuten, dass eine weibliche Richterin den Raum betrat.

Dadurch, dass Richter konzeptuell unterspezifiziert ist – dieser Begriff ist gegenüber ‚generisch‘ zu bevorzugen, da adäquater – muss im Kontext interpretiert werden, wer der Referent von Richter sein kann. Wenn wir in einem Gerichtsaal sitzen und eine Person in schwarzer Robe durch die neben dem Richtertisch befindliche Tür den Raum betritt, dann ist klar, auf wen sich Richter bezieht: auf die Person, die gerade den Raum betrat. Wir besitzen in diesem Fall visuelle Evidenz, die es uns erlaubt, die Referenz des Nomens eindeutig zu bestimmten und damit die konzeptuelle Unterspezifikation aufzulösen. ‚Konzeptuelle Unterspezifikation‘ bedeutet also, dass ein sprachlicher Ausdruck nicht vollkommen spezifiziert ist. Im Fall von Richter gibt es keine in der Bedeutung des Nomens verankerte Geschlechtsspezifikation. Anders, wie gesagt, bei Richterin, da das -in das Geschlecht des Referenten eindeutig auf ‚weiblich‘ festlegt.

Was machen wir aber, wenn wir keine solchen Hinweise haben? Wenn wir in der Zeitung beispielsweise lesen Drei Richter wurden der Bestechung angeklagt? Der Satz kann bedeuten ‚drei Personen, die den Richterberuf ausführen, wurden der Bestechung angeklagt‘. Dies wäre die Lesart, die in der Diskussion gerne als ‚generisch‘ bezeichnet wird. Es kann aber auch bedeuten ‚drei männliche Personen, die den Richterberuf ausführen, wurden der Bestechung angeklagt‘. Die Interpretation, dass es sich um drei weibliche Personen handelt, ist auch möglich. Da wir aber eine spezifische Form haben, die die Referenz auf weibliche Personen erlaubt, ist dies zwar möglich, aber die sprachlich nicht präferierte Form.  

Der Streit um das sogenannte ‚generische Maskulinum‘ zielt auf die Interpretation von Nomen wie Richter ab und nicht auf ihre Bedeutung. Diejenigen, die sich für die Verwendung geschlechtergerechter Sprache einsetzen, sagen, dass Drei Richter wurden der Bestechung angeklagt tendenziell als ‚drei männliche Richter‘ interpretiert wird. Diejenigen, die sich für die Verwendung des ‚generischen Maskulinums‘ und die Ablehnung geschlechtergerechter Sprache aussprechen, argumentieren, dass Drei Richter wurden der Bestechung angeklagt tatsächlich ‚drei bezüglich ihres Geschlechts nicht näher spezifizierte Richter‘ bedeutet. Es geht also darum, wie Menschen einen solchen Satz interpretieren. Damit bewegen wir uns nicht auf der Ebene der Wortbedeutung, sondern auf der Ebene der Interpretation eines Nomens im Satzkontext.  

Die Interpretation ist durch verschiedene Faktoren beeinflusst, unter anderem durch den sprachlichen Kontext (welche anderen sprachlichen Formen werden noch verwendet), aber auch durch unser Weltwissen. Zum Weltwissen gehören bestimmte Erfahrungen, die wir gemacht haben. Wenn ich die Erfahrung habe, dass nur Männer Fußball spielen, dann interpretiere ich Der Fußballer brach sich ein Mann eher als ‚der männlicher Fußballer‘. Eine geschlechtsunspezifische Interpretation ist dann wenig naheliegend (obwohl möglich). Aber auch Geschlechterstereotype spielen bei der Interpretation eine Rolle. Es gibt gesellschaftlich kolportierte Geschlechtervorurteile, etwa ‚Männer sind mutig und Frauen hübsch‘. Solche Adjektive können zum Beispiel einen Einfluss auf die Interpretation haben. Wer mag sich wohl – und warum – eher von den folgenden fiktiven Stellenausschreibungen angesprochen fühlen? Welche Personen würden Sie hinter den bezeichneten Stellen eher erwarten: Männer, Frauen, egal?Suchen einen mutigen Mitarbeiter für die Nachtschicht‘ versus Suchen hübschen Mitarbeiter für die Nachtschicht.

Aber auch Grammatik wirkt sich auf die Interpretation auf. Nomen, deren Referenten männlich sind, sind tendenziell Maskulina. Ausnahmen sind in diesem Bereich kaum vorhanden. Nomen, deren Referenten weiblich sind, tendieren dazu Feminina zu sein. Das bekannte Gegenbeispiel Mädchen ist gut erklärbar, denn Diminutiva (Nomen, die mit -chen oder -lein enden) sind immer Neutra (das Richterlein, das Männchen). Trotzdem können wir beobachten, dass auch Mädchen als feminines Nomen behandelt wird. Wenn wir einen Satz wie Ein Mädchen klingelte an der Tür haben, dann können wir als Pronomen sowohl es (Es hatte lange Haare)oder sie (Sie hatte lange Haare) verwenden.Die Verwendung von es ist grammatikalisch motiviert, die von sie semantisch (der Referent ist weiblich).

Da wir eine Tendenz sehen, dass männliche Referenten durch maskuline Nomen bezeichnet werden, nutzen wir dies auch beim Interpretieren: Der Nomen ist maskulin, also dürfte der Referent männlich sein. Interpretieren ist ein Prozess, der der Hörerende vornimmt. Basierend auf dem, was der Sprechende von sich gibt, stellt der Hörende bestimmte Schlussfolgerungen an. Zum Beispiel: Was bedeutet denn das konzeptuell unterspezifizierte Nomen Richter in dieser konkreten Äußerung? Der Hörende nimmt die Evidenz, die er hat, ergänzt sie durch das vorhandene Weltwissen und stellt dann eine Schlussfolgerung an. Da das Weltwissen zwischen Personen variieren kann, können diese auch zu unterschiedlichen Interpretationen kommen. Will ein Sprechender den Hörerenden möglichst gut anleiten, sodass keine Fehlinterpretation zustande kommt, dann sollte eine möglichst präzise Formulierung verwendet werden. Die konzeptuelle Unterspezifikation sollte vom Sprechenden bereits aufgelöst sein. Unterspezifikation lädt zur Interpretation ein.

Wenn es um die Verwendung des sogenannten ‚generischen Maskulinums‘ geht, dann geht es also nicht darum, was ein Nomen an sich bedeutet, sondern wie ein Nomen in einem spezifischen Äußerungskontext von einem bestimmten Hörenden interpretiert wird. Die Forschung hat in verschiedenen Studien herausgearbeitet, welche Faktoren auf die Interpretation einwirken, aber auch, dass die Interpretation nicht generell geschlechtsunspezifisch bei ‚generischen Maskulina‘ ist. Sie lassen sich zwar generisch interpretieren, müssen es aber nicht. Und da liegt das zentrale Problem: Für einige Menschen ist geschlechtsspezifische Interpretation in verschiedenen Kontexten dominierend und dies führt zu Konsequenzen. Passiert dies im Bereich der Berufsbezeichnungen, dann können dadurch bestimmte Stereotype ausgebildet, bzw. verstärkt (Richter sind immer männlich) und zugleich Frauen von der Bewerbung auf bestimmte Stellen abgehalten werden.

Die Semantik kennt eine Unterscheidung zwischen der lexikalischen Bedeutung eines Ausdrucks (‚Ausdrucksbedeutung‘) und seiner Äußerungsbedeutung. Während Richter als lexikalische Bedeutung etwa ‚Person (unspezifischen Geschlechts), die den Richterberuf ausübt‘ hat, stellt die Äußerungsbedeutung die konkrete Interpretation im sprachlichen Kontext dar. Die Diskussion um das ‚generische Maskulinum‘ betrifft die Äußerungsbedeutung maskuliner Nomen (mit belebten Referenten) und nicht ihre lexikalische Bedeutung. Den Streit um das ‚generische Maskulinum‘ lösen wir nicht, indem wir uns über Regeln der Genuszuweisung, die historische Grundlage des Genussystems oder die Bedeutung von Wortbildungsmorphemen streiten, sondern in dem wir die Interpretation von Sprache in konkreten Äußerungskontexten untersuchen. Es geht also darum zu untersuchen, ob es Muster in der subjektiven Interpretation von Nomen in Äußerungskontexten gibt. Wenn ja, welche Interpretation? Und zugleich kann die Frage gestellt werden, ob es irgendwelche weiteren Merkmale (zum Beispiel Geschlecht der interpretierenden Person, Alter, Bildungsstand, Ausdrücke im sprachlichen Kontext) Einfluss auf die Interpretation haben.

Somit ist nun auch klar, wie das vermeintlich ‚generische Maskulinum‘ untersucht werden sollte: experimentell. Wir müssen schauen, wie Menschen in konkreten Äußerungen interpretieren. Aussagen wie ‚Richter ist generisch, denn das Nomen kann sich ja auf Frauen beziehen‘ sind nicht per se falsch, tragen aber nichts zur eigentlichen Diskussion – der Interpretation des Nomens in konkreten Äußerungskontexten – bei. Damit ist auch klar, welche Argumentationen bezüglich des vermeintlich ‚generischen Maskulinums‘ am eigentlichen Thema vorbeigehen und daher in der Debatte um die Verwendung geschlechtergerechte Sprache kein größeres Gewicht bekommen sollten. Im öffentlichen Diskurs finden sich viele lautstarke Gegner*innen geschlechtergerechter Sprache, deren Argumente den Kern der Sache – die Äußerungsbedeutung von Nomen – nicht trifft. Daher ist es umso wichtiger, dass die linguistischen Grundlagen rund um diese Debatte verstanden sind, damit jede*r in der Lage ist die Qualität der jeweils vorgebrachten Argumentationen einschätzen zu können. Nur auf dieser Grundlage können solide wissenschaftliche Argumentationen von ideologischen Argumentationen unterschieden werden. 

Anmerkung: Dieser Beitrag enthält keine Verweise auf relevante Fachliteratur, gerne kann ich Referenzen zur Verfügung stellen. Bei Interesse einfach eine Email schreiben oder einen Kommentar hinterlassen.

Geschlechtergerechte Sprache und Leitkultur

Warum ist das Thema ‚Genderverbot‘ gerade so aktuell in der CDU? Greift die CDU nur auf, was so viele Deutsche – angeblich – wünschen? Oder liegt dies vielleicht anderswo begründet? Vielleicht in der Person des aktuellen CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz?

Die Antwort auf diese Frage ist vermutlich komplex: Einerseits greift die CDU ein Thema auf, dass in rechts-konservativen Kreisen präsent ist. Die AfD und die noch extremere Rechte wendet sich schon seit längerem gegen den vermeintlichen ‚Genderwahnsinn‘. Dass dieses Thema aber unter Friedrich Merz nun so populär ist – immerhin will die Hessen-CDU eine rechtliche Einschränkung der Verwendung geschlechtergerechter Sprache erwirken – , ist aber kein Zufall.

Im Jahr 2000 hat Friedrich Merz den Begriff der ‚Leitkultur‘ ins Spiel gebracht, in dem Jahr, in dem das novellierte Staatsangehörigkeitsrecht Inkraft trat. Damit war die Möglichkeit einer einfachereren Einbürgerung geschaffen. Mit dem Begriff der ‚Leitkultur‘ wurde die Angst aufgegriffen, dass durch leichtere Einbürgerungen Menschen Deutschen werden könnten, deren Kultur anders ist. In Merz Augen muss somit die Gefahr einer kulturellen Aufsplitterung bestanden haben, der damit begegnet werden sollte, dass die deutsche Leitkultur als Orientierungspfad für alle Deutschen – ob geborene oder eingebürgerte – dienen sollte.

Dass es so etwas wie ein deutsches Wesen gibt, wurde immer wieder behauptet. Wolfgang Bergem arbeitet dies schön heraus und legt dar, dass in der historischen Debatte auch immer wieder die deutsche Sprache als identitätsstiftendes Element – Bergem (Seite 72) spricht von einem vermeintlichen Wesenskern des deutschen Volkes – verstanden wurde. Sprachlicher Wandel wird als kultureller Wandel interpretiert, der in seinem Extrem das Volk bedrohe. Darauf wird seitens der Politik mit verschiedenen Forderungen reagiert. Die AfD forderte die deutsche Sprache in das Grundgesetz aufzunehmen, damit sie besonders geschützt und ihre bedeutende Rolle betont werde. Der CDU-Generalsekretär Mario Czaja forderte eine Deutschpflicht auf Schulhöfen.

Sprachliche Veränderungen werden problematisiert, da sie unmittelbar die kulturelle Identität des Volkes betreffen. Sprachliche Veränderungen werden dabei häufig mit gesellschaftlichen Veränderungen assoziiert, bzw. werden sie als Symptome gesellschaftlicher Veränderungen identifiziert. Dies wird beispielsweise in folgendem Statement von Martin Louis Schmidt deutlich: Wir „lehnen eine Instrumentalisierung unserer Sprache durch politisch korrekte Vorgaben oder geschlechterneutrale Ideologisierungen in aller Deutlichkeit ab. Letzteres nicht nur, weil das sogenannte Gender Mainstreaming im Rahmen eines undemokratischen familienfeindlichen Gesellschaftsexperiments stattfindet. Die mit der teilweisen Leugnung der biologischen Geschlechter zugunsten sogenannter „sozialer Geschlechter“ einhergehenden begrifflichen und grammatikalischen Kunstgriffe sind in unseren Augen nicht zuletzt sprachästhetische Vergewaltigungen“.

Martin Louis Schmidt ist Landtagsabgeordneter der AfD im Landtag von Rheinland-Pfalz, sowie für die rechtspopulistische Zeitschrift Junge Freiheit aktiv. Außerdem ist er Arbeitsgruppenleiter der Gruppe ‚AfD für gutes Deutsch‘ beim Verein für deutsche Sprache. Der Homepage des Vereins ist auch obiges Statement entnommen. Er stellt darin geschlechtergerechte Sprache als „undemokratisches, familienfeindliches Gesellschaftsexperiment“ dar. Sprachliche Änderungen werden somit direkt auf andere gesellschaftliche Aspekte – hier das Familienbild – bezogen.

Zurück zu Friedrich Merz: Er hat den Begriff der ‚deutschen Leitkultur‘ bereits vor über 20 Jahren in die CDU eingebracht und damit die Idee, dass es eine Leitlinie gibt, anhand derer sich alle zu orientieren haben. Zur Leitkultur gehört, wie die Debatte zeigt, auch die deutsche Sprache. Dabei geht es nicht nur darum, dass Menschen deutsch lernen müssen, wenn sie Deutsche sein wollen. Es geht auch darum, dass Veränderungen der Sprache Veränderungen der Kultur – und damit letztlich der Volksidentität – bedeuten. Auf diese Weise können sprachliche Veränderungen – wie die Verwendung geschlechtergerechter Sprache – als Gefahr für das deutsche Volk interpretiert werden. In diesem Extrem wird dies nur in der extremen Rechten ausgesagt, aber das zugrundeliegende Volkskonzept wird von rechten (AfD und Neue Rechte) und konservativen Gruppen (CDU/CSU, Freie Wähler) geteilt.     

Es ist, denke ich, kein Zufall, dass das Thema der geschlechtergerechten Sprache aktuell in der CDU stark aufgegriffen wird. Die Verwendung geschlechtergerechter Sprache stellt einen Angriff auf Merz Leitkultur dar.


 

Literatur

Bergem, Wolfgang. 2019. Volkserzählungen, Narrative des Volkes, Narrative über das Volk. In: Michael Müller & Jørn Precht (Hrsg.). Narrative des Populismus. Erzählmuster und -strukturen populistischer Politik, 63-80. Berlin: Springer.

Töte meine Tochter und brate mir ihre Lunge

Dürfen sich Märchen verändern?

Würden Sie einem kleinen Kind eine Geschichte vorlesen, in der die Mutter das eigene Kind aus Neid versucht zu töten? Würden Sie es tolerieren, wenn eine Mutter die Lunge der eigenen Tochter essen will? Wäre eine Liebesbeziehung zu einem verstorbenen Märchen – nicht in Form einer romantischen Vampirgeschichte – passend für Kinder? Wenn Sie eine dieser Fragen mit Nein beantwortet haben, dann sollten Sie ihren Kindern nicht ‚Schneewittchen‘ vorlesen. Vielleicht gehört ‚Schneewittchen‘ aber trotzdem zum Vorlese- oder Videoklassiker bei Ihnen zuhause? Es scheint jedenfalls einige Menschen zu geben, die ein enges Verhältnis zu dem Märchen aufweisen, denn momentan gibt es in den (sozialen) Medien einige Diskussionen bezüglich einer Neuverfilmung des Märchens Schneewittchen. Disney hat für die Neuauflage des Märchenklassikers einige Veränderungen vorgesehen: Schneewittchen soll von einer lateinamerikanischen Schauspielerin gespielt werden, die sieben Zwerge sollen durch sieben Wesen ersetzt werden, von denen eines unter anderem weiblich ist.

Ein kleinwüchsiger Schauspieler hatte das Zwergenklischee im Vorfeld kritisiert und nun läuft in den (sozialen) Medien eine Protestwelle auf, in denen von Cancel Culture und Verfälschungen des Märchens, ganz allgemein unter dem Stichwort ‚Wokeness‘, gesprochen wird. Die wesentlichen Probleme sind, wie es scheint, dass Schneewittchen in der Neuverfilmung keine weiße Hautfarbe hat und die Zwerge keine Zwerge mehr sind. Es scheint, dass damit für einige Menschen eine Art Tabu gebrochen wurde, denn Grimmsche Märchen zu verändern, das geht nun wirklich nicht.

Die Brüder Grimm haben selbst sehr eifrig ihre eigenen Texte revidiert und in über die Jahre hinweg deutlich verändert. Dies lässt sich sehr leicht überprüfen, wenn mensch die letzte von den Grimms autorisierte Version von 1857 mit der ersten Version von 1812/1815 vergleicht. Wir alle wissen wahrscheinlich, dass Schneewittchens Mutter bei der Geburt starb. Es heißt es in der letzten Version: „Und wie das Kind geboren war, starb die Königin„. [Alle Textbelege stammen aus der Online zugänglichen Veröffentlichung der Kinder- und Hausmärchen.] Später heiratet Schneewittchens Vater – der König – dann eine Frau, die zu Schneewittchens Stiefmutter wird und sie aufgrund ihrer Schönheit umbringen lassen will. Die erste Version sieht noch ganz anders aus. Da verstirbt die Mutter nicht und folglich ist es nicht die böse Stiefmutter die neidisch auf Schneewittchen ist, es ist die leibliche Mutter.

Dies mag nur ein kleines Detail sein, es zeigt aber, dass die Grimms selbst ihre Märchen auch inhaltlich veränderten. Irgendwie ist es aber auch sehr grausam, wenn die eigene Mutter einen Mordauftrag erteilt, ein wenig wird diese Grausamkeit dadurch entschärft, dass es in der letzten Version „nur“ die Stiefmutter ist. Insgesamt weist das Märchen viele grausame Stellen auf. So will die Mutter, bzw. Stiefmutter, dass der Jäger Schneewittchen nicht nur tötet, er soll auch noch Organe des getöteten Mädchens mitbringen. In der ersten Version des Märchens heißt es: „Da ließ ihr der Neid keine Ruhe, und sie rief einen Jäger und sagte zu ihm: ‚führ das Sneewittchen hinaus in den Wald an einen weiten abgelegenen Ort, da stichs todt, und zum Wahrzeichen bring mir seine Lunge und seine Leber mit, die will ich mit Salz kochen und essen‘.“ Nicht nur geht es ums Kindstötung, hinzu kommt auch noch Kannibalismus.

Es ist bekannt, dass der Jäger Schneewittchen – oder Sneewittchen wie das Mädchen im Original heißt – nicht tötete, sondern im Wald alleine ließ. Nicht aus purer Gutmütigkeit, denn er ist der Meinung, dass das Kind auch so nicht alleine überleben wird. Tut sie aber doch. Die (Stief-)Mutter fühlt sich dadurch zu mehreren Mordanschlägen auf das Mädchen verführt und scheitert zweimal durch das gerade noch rechtzeitige Eingreifen der sieben Zwerge. Beim letzten Mal kommen die Zwerge vermeintlich zu spät. Sie halten Schneewittchen für tot, betten sie in einen Sarg und stellen sie aus. Dann kommt eine Stelle, die mich sehr irritiert: „Einmal kam ein junger Prinz zu dem Zwergenhaus und wollte darin übernachten, und wie er in die Stube kam und Sneewittchen in dem Glassarg liegen sah, auf das die sieben Lichtlein so recht ihren Schein warfen, konnt er sich nicht satt an seiner Schönheit sehen, und las die goldene Inschrift und sah, daß es eine Königstochter war. Da bat er die Zwerglein, sie sollten ihm den Sarg mit dem todten Sneewittchen verkaufen, die wollten aber um alles Gold nicht; da bat er sie, sie mögten es ihm schenken, er könne nicht leben ohne es zu sehen, und er wolle es so hoch halten und ehren, wie sein Liebstes auf der Welt.“ (Erste Version)Es kommt also ein Prinz daher, der Schneewittchen für tot hält, sich in sie verliebt und – zunächst einmal – den Leichnam den Zwergen abkaufen will. Nur sein Versprechen, dass er die Tote sehr lieb halten wird, ringt den Zwergen das vermeintlich tote Mädchen ab. Strikt genommen liegt hier kein Fall von Nekrophilie vor, da es nicht um sexuelle Handlungen an Toten geht. Aber irgendwie ist das Begehren und Vorgehen des Prinzen doch ein wenig verstörend.      Der Kannibalismus und dieses komische Verhältnis des Prinzen – bzw. in der späteren Variante heißt es ‚Königssohn‘ – zu einer Toten, haben bislang wenig Anlass zur Kritik gegeben. Dass der Kannibalismus dabei in modernen Versionen unter den Tisch fällt – er ist kein Bestandteil der Märchenwiedergabe in Wort oder Film ist – wird ohne Murren hingenommen. Anders sieht es aus, wenn plötzlich Kritik an den Zwergen geäußert wird.

Welche Rolle haben eigentlich die Zwerge in dem Märchen? Die Zwerge retten Schneewittchen ein paar Mal und am Ende bahren sie sie auf. Neben dem Retten scheint ein Aspekt wichtig zu sein, sie wollen Schneewittchen selbst nicht heiraten, denn dies ist die Aufgabe des Prinzen. Vielleicht sind sie deshalb Zwerge, damit sie nicht als potentielle Gatten für das Mädchen in Frage kommen. Einen in der Geschichte verwurzelten Grund, warum es Zwerge sind, gibt es jedenfalls nicht. Hannah Bethke schreibt in einem Kommentar für Die Welt: „Genauso verhält es sich mit der Symbolik der Zwerge: Sie sind Schneewittchen gerade nicht ebenbürtig, sondern verharren in einer bestimmten Entwicklungsstufe. Weibliche Zwerge gibt es im Übrigen nicht.“ Mit dem „genauso“ meint die Autorin, dass die Zwerge nicht diskriminierend seien, kleinwüchsige Menschen sich also nicht durch die Zwergencharaktere diskriminiert fühlen müssten. Wenn aber nun die Kleinwüchsigkeit der sieben Gesellen – das ist das zentrale Element, das die Zwerge in dem Märchen charakterisiert – dafür stehen soll, dass sie Schneewittchen nicht ebenbürtig stehen, empfinde ich das schon als eine diskriminierende Darstellung. Was soll es bedeuten, dass die Zwerge „in einer bestimmten Entwicklungsstufe“ verharren würden? Wird damit suggeriert, dass sie noch keine vollwertigen Menschen sind? Auch das kann durchaus als diskriminierend empfunden werden.

Vielleicht hatten die Grimms keine diskriminierende Intention, aber kleinwüchsige Menschen dürften sich dadurch diskriminiert fühlen. Und wenn sie es tun, dann wäre es auch akzeptabel, wenn Disney darauf reagiert. Aber ob sich kleinwüchsige Menschen diskriminiert fühlen, sollten kleinwüchsige Menschen entscheiden. Patricia Carl-Innig, die Vorsitzende des Bundesverbands kleinwüchsiger Menschen und ihrer Familien e.V., sagte in einem Interview mit dem Klassikradio, dass nicht die Figur der Zwerge das Problem sei – denn als Zwerge sehen sich kleinwüchsige Menschen gerade nicht – , sondern fehlende Vielfalt. Dennoch, so sagt sie auch, haben sich weltweil kleinküchsige Menschen von der Kritik an der Verwendung der Zwerge in der Märchenverfilmung – und natürlich insbesondere an den damit assoziierten Klischees – angesprochen gefühlt.

Also: wer in der Lage ist zwischen Fabelwesen – Zwerge – und kleinwüchsigen Menschen zu trennen, der oder die wird Schneewittchen wohl nicht als diskriminierend empfinden. Aus dem ganz einfachen Grund: Zwerge gibt es nicht. Ob es aber so einfach ist und die Assoziationen, die beispielsweise Frau Bethke bezüglich der Zwerge hat, auch nur auf diese Märchenfiguren beschränkt bleiben, ist eine andere Frage. Dem Problem kann jedenfalls entgangen werden, wenn die Zwerge durch andere, weniger menschliche Figuren ersetzt werden. Für die Geschichte selbst ist es unerheblich, ob Schneewittchen bei sieben Zwergen oder sieben aufrechtgehenden Heuschrecken unterkommt.

Wie steht es nun um Schneewittchen? Frau Bethke hat auch da eine Position: „Im Märchen der Gebrüder Grimm heißt es bekanntermaßen: Das „Töchterlein“, das die Königin gebar, „war so weiß wie Schnee, so rot wie Blut und so schwarzhaarig wie Ebenholz, und war darum das Sneewittchen (Schneeweißchen) genannt“. Die weiße Haut von Schneewittchen ist ein Symbol für Unschuld, so wie das Rot Sexualität symbolisiert. Das hat nichts mit Rassismus zu tun.“ Sie hat Recht damit, dass die Farben symbolisch für Unschuld und Sexualität stehen. In einem Film kann Unschuld aber auch anders als durch weiße Hautfarbe symbolisiert werden. Es ist also auch hier wieder nicht notwendig, dass das Grimmsche Märchen buchstabengetreu umgesetzt wird.

Statt von Cancel Culture, Wokeness oder „linksidentitären Transformationszwang“ (Hannah Bethke) zu sprechen, sollte lieber der Grimmsche Umgang mit den Texten befolgt werden. Die Texte selbst sind nicht sakrosankt, vielmehr dienen sie dazu bestimmte Ideen – im Falle der Grimms durchaus auch (sprach)politische Ideen – zu transportieren. So wie die Grimms ihre Texte immer wieder verändert haben, sollten wir uns auch offen zeigen dafür, dass die Texte nicht final sind, sondern immer weiter optimiert werden können. Das betrifft Form und Inhalt der Texte. Immerhin scheint sich ja auch kein Mensch darüber aufzuregen, dass aus der neidischen Mutter mit Tötungsabsicht eine neidische Stiefmutter mit Tötungsabsicht wurde.   

Diesen Beitrag habe ich mit der Frage – dürfen sich Märchen verändern? – übertitelt. Meine Antwort ist: gerade die Märchen der Brüder Grimm wurden schon immer – ganz besonders von den Brüdern Grimm – verändert. Wenn die Grimms es getan haben, was sollte also schlimm daran sein? Und warum sollte es schlimm sein, wenn eine Märchenadaption vielfältiger – Schneewittchen dargestellt von einer Latina – und weniger diskriminierend ist? Anscheinend gibt es ja Menschen, die die Zwerge und die mit ihnen verknüpften Assoziationen als diskrimierend empfinden. Wer solche Veränderungen als ‚woke‘ oder ‚linksidentitär‘ empfindet, muss erklären, warum der Originaltext – welcher ist es denn eigentlich – so viel besser sein soll!

Das Kind hat sowieso keine Zukunft

Heute (02.01.2023) haben die Parents for Future – Kreis Viersen eine Mahnwache für den Erhalt Lützeraths in Viersen abgehalten. Angemeldet waren zwar nur drei Teilnehmer, erfreulicherweise wurden wir aber mehr. Zeitweise wurden wir von mindestens vier Polizisten beschützt, obwohl bei größeren Mahnwachen sonst nur zwei Polizisten anwesend waren.

Der Regen hörte rechtzeitig zur Mahnwache auf und mit umgehängten Plakaten konnten wir die Passanten auf die Demo am 14.01. hinweisen. Das Infomaterial ging ebenfalls gut weg. Aber eine Begegnung blieb mir dann doch in Erinnerung. Eine junge Mutter ging mit ihrer Tochter – schätzungsweise 4 Jahre – an uns vorbei. Die Mutter blieb nicht stehen, die Tochter schon. Sie schaute uns an, sagte „Hallo“ und winkte. Ich habe zurückgewunken und da rief die Mutter auch schon: „Komm, so einen Scheiß brauchen wir nicht“. Ich antwortete der Mutter, dass es hier um Klimaschutz geht und damit auch um die Zukunft ihrer Tochter. Die Antwort der Mutter, die sie über den Kopf ihrer Tochter hinweg gab, war: „Das Kind hat sowieso keine Zukunft“.

Sagt man einem Kind oft genug, dass es keine Zukunft hat, glaubt es das vielleicht sogar. Aber warum glaubt diese junge Mutter das? Wieso gibt sie jetzt schon die Zukunft ihrer kleinen Tochter auf? Was hat sie so resignieren lassen, dass sie jetzt schon keine Zukunft für ihre kleine Tochter sieht? Leider konnte ich die Frau nicht mehr fragen. Aber liegt es vielleicht daran, dass Aktionen für eine lebenswerte Zukunft – Klimaschutz!!! – als „scheiß“ bezeichnet werden?

Auch wenn diese junge Mutter keine Zukunft für ihre Tochter sieht, wir schon! Deshalb standen wir – also die anderen Parents for Future und ich – heute in der Fußgängerzone und haben zum wiederholten Male auf Lützerath und die Gefahr, die der Abriss Lützeraths für die 1,5 Grad-Grenze bedeutet, hingewiesen. Obwohl wir die Problematik der Klimakrise sehr bewusst wahrnehmen, glauben wir doch fest daran, dass das 4-jährige Mädchen eine Zukunft haben kann. Wir sind aber bewusst, dass wir etwas dafür tun müssen – selbst dann, wenn andere es als „scheiß“ empfinden. Wir tun das für unsere Kinder, ebenso aber auch für alle anderen Kinder und wir tun es auch für die, die uns heute sagten, dass Klimaschutz sie nicht interessiert und Lützerath weg soll.

Daher setzen wir unsere Mahnwachen fort und werden auch 2023 wieder für echten Klimaschutz auf die Straße gehen. Vielleicht schaffen wir es ja, dass die Mutter des kleinen Mädchen Unrecht hat und zumindest die Klimakrise einer guten Zukunft ihrer Tochter nicht im Weg stehen wird. Aus diesem Grund werde ich mit meinen Kindern am 14.1. zur Großdemo nach Lützerath fahren!

Wer steht mir da im Weg herum? Und warum?

Über Blockaden von Autos und Blockaden mit Autos

Die ‚Letzte Generation’‘‘ hat mit ihren Aktionen eine breite Öffentlichkeit erreicht. Insbesondere die Straßenblockaden haben ein großes mediales Echo gefunden. Aber nicht nur das, auch politisch wird gehandelt. Politiker erklären die Aktivisten der ‚Letzten Generation‘ zu Kriminellen. Der RND berichtet über entsprechende Äußerungen von Friedrich Merz. Und juristisch wird gegen sie wegen der möglichen Bildung einer kriminellen Vereinigung vorgegangen (z.B. im Spiegel oder auf N-TV).  

In den sozialen Medien gibt es zahlreiche Videos der friedlichen Proteste, unter anderem dieses hier. Auf diesem Video ist aber auch zu sehen, wie die Autofahrer, die durch die Aktivisten blockiert werden, reagieren. Nicht gerade sanft werden die Aktivisten von der Straße gezerrt, beschimpft und eingeschüchtert. Worüber regen sich die Autofahrer auf? Darüber, dass sie im Stau stehen müssen.

Auf dem verlinkten Video sieht man einen Paketboten bei der ‚Entfernung‘ von Aktivisten von der Straße. Paketboten bieten sich als Diskussionsobjekt gut an. Sie haben ziemlichen Zeitdruck und müssen, damit sie Geld verdienen, herumfahren. Im Stau stehen ist für Paketboten definitiv ein finanzieller oder zumindest zeitlicher Verlust.

Als ich eben meinen ältesten Sohn von der Schule abholte, parkte ein Paketbote mitten auf einem Fußgängerüberweg und lieferte Pakete aus. Dadurch stand er nicht nur den Fußgängern mitten im Weg, sondern blockierte auch vollkommen die Sicht. Die ganze Angelegenheit dauert rund 5 Minuten. Wie hätte der Paketbote reagiert, wenn ihn nun jemand gebeten hätte wegzufahren? Vielleicht sogar mit der Begründung, dass er ja mitten im Weg steht? Ein paar Mal hatte ich eine solche Diskussion, die Antwort war immer, dass er ja nur kurz etwas ausliefern müsse. Einsicht, dass dies für Fußgänger – insbesondere Kinder – gefährlich sein kann? Nein! Einsicht, dass man nicht einfach so die Straßenseite wechseln kann – mit Kindern –, weil auf der anderen Straßenseite alles vollgeparkt ist? Nein!

Gelegentlich halten die Paketboten mitten auf unserer einspurigen Straße und liefern in Ruhe ihre Pakete aus. Nachkommende Autos müssen sich gedulden. Und wie häufig werden Radwege blockiert? Zwar ist der Übeltäter diesmal kein Paketbote, aber in einer Nachbarstraße ist jeden Morgen (am Wochenende ganztägig) der Fußweg mit einem Auto vollgestellt. Dass am Ende der Straße eine KITA ist und einige Kinder diesen Weg zu Fuß meistern müssen, ist dem Fahrer egal.      

Warum empören sich Autofahrer darüber, dass einzelne (!) Straßen blockiert werden, aber nicht darüber, dass andere Autofahrer Fuß- und Radwege blockieren? Warum empören sich so viele darüber, dass sie blockiert werden, obwohl sie selbst blockieren? Die ‚Letzte Generation‘ setzt sich nicht aus Spaß auf die Straße, sondern um ein Anliegen zu transportieren. Ihnen geht es darum deutlich zu machen, dass wir uns in einer Klimakrise befinden, die entsprechendes Handeln seitens aller (!) erfordert. Ihre Aktionen sind also Klimaprotest. Dieser Protest ist mit den Forderungen der ‚Letzten Generation‘ eng verbunden. So heißt es auf der Homepage der Gruppe: „Im Angesicht des Klimakollaps brauchen wir jetzt ein Tempolimit von 100 km/h auf deutschen Autobahnen und ein dauerhaftes 9-Euro-Ticket“. Sie fordern also verkehrspolitische Maßnahmen. Der Protest auf der Straße – im wörtlichen Sinne – liegt somit auf der Hand.   

Und die Autofahrer, die auf Rad- und Fußwegen parken, die Straßen blockieren? Warum machen die das? Haben sie ein Anliegen? Bestimmt haben sie eines. Aber keines, das als ‚Protest‘ bezeichnet werden kann. Die medialen Reaktionen zeigen, dass es einen enormen Unterschied macht, ob man Autos blockiert oder mit Autos blockiert. Ersteres ist empörenswert – selbst wenn es als Klimaprotest ein wichtiges Anliegen verfolgt –, letzteres ist anscheinend das Recht zumindest einiger Autofahrer.