Die CDU über die ‚Klimakrise‘

Antwort der CDU, warum sie von Klimawandel aber nicht von Klimakrise spricht.

Ich hatte vor einer Weile an die Pressestellen der NRW-CDU und NRD-FDP eine Emailanfrage zur Verwendung des Begriffs Klimawandel in ihrem Wahlprogramm zur NRW-Landtagswahl geschickt. Konkret habe ich gefragt, warum die Parteien den Begriff Klimawandel verwenden, den Begriff Klimakrise jedoch nicht (dazu auch mein Beitrag hier). Die FDP hat sich (bislang) nicht auf meine Anfrage gemeldet, die CDU hat mir aber dankenswerterweise geantwortet. Hier die Antwort des Wahlkampfleiters der NRW-CDU Thomas Breuer, der mir freundlicherweise erlaubte, dass ich die Antwort zitiere:

„Aktuell stehen wir in Deutschland und der Welt vor mehreren grundlegenden Herausforderungen. Manche Beobachter bezeichnen diese sehr unterschiedlichen Problemstellungen jeweils als „Krisen“ (Gas-Krise, Ukraine-Krise, Ampel-Krise etc.). Die größte dieser Herausforderungen ist der Klimawandel und die damit zusammenhängenden Auswirkungen. Ministerpräsident Wüst hat darauf schon in seiner ersten Regierungserklärung klar hingewiesen.

In unserem Wahlprogramm wollten wir deutlich machen, dass wir diese Herausforderung annehmen. Wir lösen Probleme und handeln. Dabei haben wir den Begriff „Krise“ bewusst vermieden, da Krisen üblicherweise zeitlich befristet sind – der Klimawandel hingegen nach heutigen Kenntnisstand eine langfristige Herausforderung für viele Generationen bleibt.“

Folgende Antwort Herrn Breuers lässt sich im Bezug auf die Frage, warum die CDU – anders als andere Parteien – nur von Klimawandel und nicht von Klimakrise spricht, verstehen:

„Diese semantischen Unterschiede bei der Benennung des Problems sind aber nachrangig. Es geht uns nicht um Begrifflichkeiten, sondern um effektive Maßnahmen gegen den Klimawandel.“

Die Antwort zeigt, dass der Begriff Klimakrise bewusst vermieden wurde. Es überrascht nicht, aber Worte werden bewusst gewählt. Das Argument zur Vermeidung des Begriffs Krise ist, dass Krisen – üblicherweise – zeitlich befristet sind. Dies ist ein interessanter Punkt, den nicht alleine die CDU vorbringt, wie ich schon an anderer Stelle erwähnte. Ich bin mir nicht wirklich sicher, ob wir Krisen sprachlich wirklich als zeitlich befristet konzeptualisieren. Im Deutschen Referenzkorpus (DeReKo) findet man einige Belege für sie Sequenzen unendliche Krise und endlose Krise. So findet man etwa folgenden Textbeleg aus der Nürnberger Zeitung von 2008: „Das Atomprogramm ist zur Krise geworden, aber für uns ist das iranische Hegemonialstreben eine endlose Krise.“ (NUZ08/NOV.00909 Nürnberger Zeitung, 11.11.2008, S. 4; Unruhe im Nahen Osten – Arabische Staaten besorgt über Irans Vormachtstreben).

Da Herr Breuer die erste Regierungserklärung von Hendrik Wüst erwähnt, habe ich auch einmal einen Blick in diese geworfen. Wüst spricht davon, dass viele Menschen den weltweiten Klimawandel als ‚akuten Notstand‘ wahrnehmen (Seite 6). Ansonsten werden noch ein paar Mal ‚Folgen des Klimawandels‘, die 2021 durch die Hochwasserkatastrophe zu spüren waren, erwähnt. Das DWDS (Digitales Wörterbuch der deutschen Sprache) paraphrasiert Notstand als ‚gefahrdrohender Zustand, zu dessen Behebung außerordentliche Maßnahmen erforderlich sind und der juristisch ein Rechtfertigungsgrund für ein sonst nicht erlaubtes Verhalten ist‚. Wenn die CDU den Begriff Krise ablehnt, weil eine ‚Krise‘ zeitlich befristet ist, hätte Herr Wüst dann nicht auch auf den Begriff Notstand verzichten müssen? Oder ist ein ‚Notstand‘ nicht üblicherweise zeitlich befristet? Mit der zeitlichen Befristung, die als Argument angeführt wird, werde ich mir in nächster Zeit noch eingehender auseinandersetzen, denn wenn das Argument stichhaltig ist, würde es schon einen guten Grund gegen die Verwendung des Begriffs Klimakrise liefern.

An einer anderen Stelle möchte ich Herrn Breuer an einer Stelle deutlich widersprechen, es geht nicht nur um semantische Unterschiede bei der Benennung eines Problems. Dies ist kein rein sprachlich-akademisches Problem, da durch die (bewusste) Begriffswahl ein Teil unserer Sichtweise auf einen Sachverhalt aus. Hier aber schon einmal eine erste Literaturempfehlung zu dem Thema: George Lakoffs & Elisabeth Wehlings Buch ‚Auf leissen Sohlen ins Gehirn: Politische Sprache und ihre heimliche Macht‘ (Link zur Verlagsseite) ist ein sehr schön lesbares Buch, das aufzeigt, wie sprachliches Framing (politische) Weltanschauung repräsentiert und beeinflusst.

3 Gedanken zu „Die CDU über die ‚Klimakrise‘

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